Offenes Haus im Kindergarten – totales Chaos oder neue Möglichkeiten

offener Kindergarten ErdnussFrosch

Ein halbes Jahr lang sind meine beiden Kinder nun in einem Kindergarten mit dem System des offenen Hauses. Ich möchte dir hier ein wenig über meine persönlichen Erfahrungen erzählen.

Was bedeutet offenes Haus im Kindergarten?

Der Tagesablauf im Kindergarten ist weitestgehend offen gestaltet, die Kinder können entscheiden in welchen Gruppenraum sie gehen. Wo und was sie spielen. Ob sie lieber in der Bauecke sind oder im Turnraum, darf jedes Kind für sich selbst entscheiden. Es gibt einzelne Schwerpunkte in den verschiedenen Gruppen und so sollen die Kinder lernen, für sich selbst auszuwählen, was sie interessiert.

Pädagogen übernehmen eine passive Rolle und greifen möglichst wenig in das Freie Spiel ein um die Selbständigkeit der Kleinen zu fördern. Um dennoch eine gute Betreuung zu gewährleisten, hat ein offener Kindergarten in der Regel mehr Erzieher als üblich.

Die Idee hinter einem offenen Kindergarten ist es, dass die Kinder schneller zu selbstständigen Menschen heranwachsen, ihre Erfolge genießen und Rückschläge leichter meistern.

Kinder werden als Experten für ihr eigenes Leben ernst genommen und die Erwachsenen vertrauen auf das Entwicklungspotential.

Offene Arbeit erfordert Mut. Sie fordert dazu heraus, ins Offene zu denken und für möglich zu halten, was man noch nicht kennt. Darauf muss man sich persönlich einlassen wollen – was voraussetzt, dass man die Ziele für sinnvoll hält.*

Ich habe Zweifel am Konzept

Es ist ja nicht so, dass ich es es schlecht finde Individualität zu fördern. Im Gegenteil. Dennoch ist es wichtig die Fähigkeit der Anpassung in gewissen Situationen zu erlernen. Ich bin skeptisch, ob es nicht gerade in jungen Jahren mehr Regeln und Grenzen braucht. Schon in der Schule ist es dann schwierig mit der individuellen Selbstbestimmung. Hausaufgaben müssen pünktlich erledigt werden, Pause ist zu einer vorgegebenen Zeit. Während des Unterrichts wird auf dem Platz gesessen.

Ja es sind Kinder. Ja sie sind noch klein. Aber auch Ja, sie können sich an Regeln halten. Regeln sind nichts negatives. Sie erleichtern unser Miteinander im Alltag.

Für mich ist es ist wichtig Kindern zu lernen Rücksicht auf andere zu nehmen. Seine eigenen Bedürfnisse auch mal nicht durchzusetzen und Dinge zu machen auf die man gar keine Lust hat.

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Ein konkretes Beispiel: Die Jause

In unserem Kindergarten stellt täglich eine der Pädagoginnen eine mehr oder weniger Gesunde Jause zusammen. (Auf die Auswahl des Essens möchte ich an dieses Stelle aber nicht näher eingehen.) Die Kinder können, wenn sie eben Hunger haben, im Speisesaal die Jause in Form eines Buffets zu sich nehmen. So weit, so gut.

Mit knapp 6 Jahren wird das für die meisten auch kein Problem sein.
Die Kleinen jedoch sind gerade mal 3 Jahre alt, stecken zum Teil noch in Windeln und müssen nun alles für sich selbst entscheiden.

Wann gegessen wird und was sie sich vom Buffet holen, können die Kinder nun selbst entscheiden. Und natürlich auch wie viel. Denn es muss ja aufgegessen werden. Sonst solle man sich weniger nehmen und etwas nachholen.
Ich lasse das an dieses Stelle einfach mal so stehen, denn dieses Thema benötigt sonst einen eigenen Artikel 😉 . 

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Ich esse wann ich will

Oft sehe ich schon morgens kurz nach 8 die Kinder im Speisesaal und frage mich dann, ob es bis zum Mittagessen nicht doch noch lange dauert, wenn die Jause so früh gegessen wird. Oder bekommen diese Kinder zuhause kein Frühstück und haben deshalb schon hunger?

Bei uns zuhause ist es so, dass es mehr oder weniger feste Zeiten für die Mahlzeiten gibt. Wobei diese sich innerhalb eines flexiblen Rahmens von etwa 1 Stunde bewegen. Wenn mal länger geschlafen wurde, der Hunger größer ist oder wir mal länger am Spielplatz waren. Ich denke du weißt was ich meine. Nun waren Ferien und ich spürte zum ersten mal die Auswirkungen des offenen Hauses im Kindergarten.

Zur Jausenzeit hörte ich nun zum ersten Mal Sätze wie: „Ich esse wann ich will.“ oder „Nein, ich spiele noch.“

Ich hatte also zwei Möglichkeiten: Die freie Entscheidung zu akzeptieren und für jedes Kind zu unterschiedlichen Zeiten eine Jause anzubieten. Was zur folge hätte, dass auch der Appetit beim Mittagessen entsprechend der Jause verschoben sein würde.
Oder durchgreifen und zu vermitteln, dass es jetzt eine Jause gibt und wer diese nicht will, eben bis zum Mittagessen warten muss.

Was denkst du habe ich gemacht?
Genau. Es gab die Jause natürlich jetzt. Mit ein klein wenig Widerstand und bösen Blicken wurde dann gegessen und nach 2 Tagen war es für die Kinder wieder ok zu  festen Zeiten zu essen.

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Wird auf diesem Weg nur die Konfrontation vermieden?

Kinder machen zu lassen worauf sie Lust haben, ist doch der einfachste Weg. Oder etwa nicht? Es gibt keine Tränen und keine Diskussionen. Das Kind scheint glücklich.
Für mich bedeutet Erziehung aber viel mehr, als nur Aufpassen. Und ja, ich erwarte von einem Kindergarten, dass die Kinder gefördert und gefordert werden. Aber eben auch, dass Grenzen aufgezeigt werden und ein Miteinander gefördert wird.

Wenn ich bei jedem Konflikt einfach aufstehen und weggehen kann.
Wenn ich nicht malen muss, weil ich es nicht möchte.
Wenn ich Essen kann wann ich es will, was ich will und wie viel ich will.
Wenn ich alleine spielen kann, weil ich die anderen Kinder nicht mag.
Wenn ich kein Muttertagsgeschenk bastle, weil ich keine Lust drauf habe.

Fördert das Kinder wirklich? Können sie sich durch diese Selbstbestimmtheit freier entwickeln?
Ich kann den Mehrwert in dieser Freiheit nicht sehen.

Die Meinungen gehen auseinander

Fragt man die Kinder, finden diese das offene Haus meist toll. Warum denn auch nicht, sie können ja fast alles machen, was sie wollen. Selbstbestimmt.

Die Mütter hingegen sind sich da nicht so einig. Wie bei allem gibt es auch hier Pro und Contra. Ich zähle nicht zu den Mamas die das System gut finden. Oftmals wirkt es auf mich chaotisch und unstrukturiert. Ich habe immer wieder den Eindruck den Pädagoginnen mangelt es an Überblick und die Kinder wirken auf mich teilweise etwas verloren.

Natürlich ist mir klar, dass man es nie allen recht machen kann. Jeder Mensch ist anders, hat andere Bedürfnisse und Erwartungen. Während die Einen der Meinung sind, Kinder sollen so lange wie möglich keine Verantwortung tragen und einfach nur Kinder sein. Denken die Anderen, dass es nicht früh genug sein kann ein selbstbestimmtes Leben zu führen und eigene Entscheidungen zu treffen.

Wie bei fast allem im Leben haben wir die Wahl. Genau wie auch bei der Entscheidung in welchen Kindergarten das eigene Kind gehen soll. Die unterschiedlichen Ansätze in der Erziehung und Bildungsarbeit machen uns diese Entscheidung aber nicht immer einfach.

Das offene Haus und die Selbstbestimmtheit klingen auf den Blick toll. Schaut man aber etwas genauer hin, findet man einige Schwachstellen im System.

Alle wollen individuell sein, aber wehe, jemand ist anders.

Schaffen wir mit solchen Systemen tatsächlich neue Möglichkeiten?

Diversität – Individualität – Vielfältigkeit, ist es nicht genau das was wir wollen? Wir sollen zu uns selbst stehen, den Mut haben auch mal anders zu sein. Wir wollen unsere Kinder zu selbstbewussten, starken Persönlichkeiten erziehen und ihren freien Willen fördern. Einen Anfang macht da das System der offenen Kindergärten.

Klingt doch toll oder? Ich frage mich nur, warum wir für Menschen die wirklich anders sind, dann so schnell Worte wie Freak, Nerd oder Außenseiter finden?

 

 

 

Ich möchte an dieser Stelle nochmals ausdrücklich darauf hinweisen, das es sich bei diesem und jedem anderen Artikel auf meinem Blog um meine eigene subjektive Meinung handelt.

Ich freue mich das du hier bist. Schau dich doch noch weiter um und lies noch andere Artikel. Folge mir per Email, Instagram oder Facebook. Begleite ErdnussFrosch auf einer Reise durch das Leben…

 

 

 

Quellenhinweis: * Zitiert von erzieherin.de, Bilder von freepik.es

Verfasst von

Beim ErdnussFrosch geht es um meine Familie, meinen Alltag, darum was wir gemeinsam erleben, was uns aufregt und was uns inspiriert. Ich will dir einen ehrlichen Einblick in unseren Alltag ermöglichen. Der Blog ist seit November 2018 online und ich wünsche mir, dass du ihn gerne liest, Spaß hast und regelmäßig rein schaust. Begleite mich und meine Familie ein Stück auf dem Weg. Wohin? Mal sehen…

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